Wo hört Nächstenliebe auf und wo fängt Angst an – oder umgekehrt?

Diese Frage geht mir seit einigen Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Genau genommen, seit dem Tag, an dem ich ein Gespräch unter Bekannten verfolgte, dass mich gehörig zum Nachdenken brachte. Man erzählte sich von einem Restaurant in der Innenstadt einer nahegelegenen Kleinstadt, das möglicherweise zu einem “Asylantenheim” umfunktioniert werden solle. Die halbe Stadt (vielleicht auch etwas mehr) sei in heller Aufruhr über dieses Vorhaben. Je länger ich diesem Gespräch lauschte, umso klarer wurden mir die vermeintlichen Gründe dieser ganzen Aufregung: Ein Punkt, über den man diskutierte, war, dass der Mann, der diese Immobilie zu einem Asylantenheim umfunktionieren wolle, sich in erster Linie an der ganzen Sache bereichern wolle. Schließlich bekäme er pro Asylant soundso viel Euro pro Tag von der Regierung. Dem ginge es gar nicht darum, anderen Menschen zu helfen. Außerdem habe er die Immobilie von den Vorbesitzern nur deshalb veräußert bekommen, weil er zugesichert hätte, wieder eine Gaststätte darin zu betreiben. Doch unter den gegebenen Umständen hätten die Vorbesitzer wohl nie an diesen Mann verkauft. Im Allgemeinen habe man ja nichts gegen Ausländer, aber ein Asylantenheim mitten in der Innenstadt? … So oder so ähnlich erzählte man sich.

Der tatsächliche Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ist mir nicht bekannt und für meine Zwecke auch nicht wichtig. Es ist nicht mein Anliegen, diese Aussagen zu bewerten. Es geht mir nur darum, sie zu hinterfragen und so möchte ich dieses Gespräch als Anstoß nutzen, mir über meine eigene Meinung zu diesem Thema klar zu werden. Diese Meinung kann genauso richtig oder falsch sein, wie die meiner Mitmenschen. Fakt ist, dass mich dieses Gespräch ziemlich aufgewühlt hat und mir Fragen über Fragen durch den Kopf schossen, die ich gerne mit dir teilen möchte. Ich möchte dich dazu einladen, dir diese Fragen selbst zu stellen und dir hierbei deine ganz persönliche Meinung zu skizzieren. Dieser Artikel erhebt ganz sicher keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Argumente. Er hebt lediglich Argumente hervor, die einer weiteren Sichtweise entspringen aber dennoch ein Recht darauf haben sollten, in unser Gesamturteil zu diesem Thema mit einzufließen.

Warum brauchen wir überhaupt “Asylantenheime”?

Es gibt Länder auf dieser Erde, in denen es derzeit gar nicht gut aussieht. Kriege, Gewalt, politische Machtkämpfe, Vertreibungen, Vergewaltigungen und Tod stehen dort auf der Tagesordnung. Wer das eigene sowie das Leben seiner Kinder und seiner Familie schützen will, dem bleibt oft keine andere Wahl, als jeglichen Besitz zurückzulassen und mit dem Nötigsten zu fliehen. Würde ich nicht vielleicht genauso handeln, wenn diese Zustände in meinem Land herrschten und das Leben meiner Lieben auf dem Spiel stünde?

Doch wohin würde ich meine Familie bringen?

Ich glaube, wenn ich die Wahl hätte, würde ich mir ein Land aussuchen, in dem die politische Lage relativ stabil zu sein scheint. Außerdem würde ich ein Land mit einem etablierten Sozialsystem wählen, da mir die Wahrscheinlichkeit, dort humanitäre Hilfe zu bekommen größer erscheint als in einem Land ohne ein solches System. Na, und wenn ich dann noch die momentane wirtschaftliche Lage (Wachstum, Arbeitslosenzahlen, etc.) der Länder vergleichen würde, die mir als Fluchtmöglichkeit zur Verfügung stünden, ich glaube, spätestens dann könnte meine Wahl auf Deutschland fallen. Was für ein unglaubliches Glück habe ich doch, in diesem Land geboren und aufgewachsen zu sein?

Warum stört mich der Begriff “Asylantenheim” eigentlich so sehr?

Ich glaube, wenn ich mich selbst in einer solch verzwickten Lage befände, würde ich mich selbst in erster Linie als Flüchtling und nicht als Asylant betrachten. Denn mein primäres Ziel wäre es, Zuflucht an einem sicheren Ort für mich und meine Familie zu finden, bis sich die Lage in meinem Land beruhigt hat und ich wieder zurück in meine Heimat gehen könnte. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich nicht auch Gefallen an meinem “Flucht-Land” und der dort verfügbaren sozialen Hilfestellung finden könnte und mich später entscheiden würde, hier bleiben zu wollen. Doch mein primäres Ziel wäre das sicher nicht. Fühlt sich das Wort “Zufluchtsort” oder “Flüchtlingsstätte” in Bezug auf diese Einrichtung nicht viel passender an?

Ist es denn wirklich so schlimm, dass jemand vom Staat Geld dafür bekommt, dass er Aufnahmestellen für Flüchtlinge schafft?

Gegenfrage: Ist es nicht bedenklich, dass wir als Gesellschaft offensichtlich nicht (mehr) bereit sind, aus reiner Nächstenliebe (oder für einen weitaus geringeren Geldwert) zu helfen, was dazu führt, dass derartige Anreizsysteme überhaupt erst durch Regierungen geschaffen werden müssen, um humanitäre Hilfe gewährleisten zu können? Würde dies nicht bedeuten, dass wir als Gesellschaft dafür mitverantwortlich wären, dass es soweit überhaupt erst kommen konnte? Wäre es daher nicht vielleicht angemessener, diesen Menschen gegenüber dankbar zu sein, dass sie uns diese Aufgabe abnehmen (die ja dann zu einem gewissen Grad auch unsere wäre) anstatt mit dem Finger auf sie zu deuten? Und ist es dann nicht auch in Ordnung, jemanden für diese Aufgabe mit seinem Steuerbeitrag zu entlohnen, wenn man selbst diese Aufgabe nicht erbringen kann oder will?

Doch was war denn nun der eigentliche Kern der Diskussion?

All die Argumente, die in diesem Gespräch diskutiert wurden, hatten zweifelsohne ihre Berechtigung. Doch war es nicht so, dass diese Argumente in Wahrheit nur ein Schleier waren, der dem Zweck diente, das eigene ursächliche Grundgefühl zu überdeckten (wenn auch unbewusst)? Angst? Angst davor, was diese neue Situation mit sich bringen würde? Angst vor dem Unbekannten? Vielleicht Angst vor fremden Menschen in der einem so vertrauten Umgebung? Angst davor, dass die gewohnte, sichere Komfortzone aufgrund dieser neuen Lage gefährdet sein könnte? Konnte ich den Leuten das verübeln? Schließlich haben wir genug Beispiele aus der Vergangenheit, in denen Asylanten in unserer Gesellschaft negativ aufgefallen sind (Isolation ganzer Gruppen, Verbrechen, Gewalt, etc.). Vielleicht befürchteten die Menschen, dass sich genau diese Szenarien wiederholen könnten – und dann auch noch “mitten auf dem Marktplatz” dieser so behüteten Kleinstadt? Klingt das nicht für jeden nachvollziehbar?

Doch wie könnte man dieser Entwicklung nun entgegenwirken?

Der hier diskutierte Ansatz war, diese Stätte irgendwo außerhalb zu errichten. Doch wäre das Problem dadurch wirklich gelöst? Ich denke nicht, denn wir würden den Flüchtlingen damit wohl eher signalisieren, dass wir sie nicht in unserer Mitte bzw. nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Ich versetze mich wieder in die Lage des Flüchtlings und stelle fest, dass mir dann nur die Gemeinschaft mit den anderen Flüchtlingen bliebe. Dies würde zwangsläufig irgendwann dazu führen, dass wir uns als Gruppe von der Gesellschaft isolierten bzw. isoliert werden würden. Dadurch würde eine Art “Rassentrennung” entstehen und auch hierfür haben wir genügend Beispiele aus der Vergangenheit, die uns zeigen, wohin das führen kann. Grenzt es nicht an Ironie, dass wir mit unseren Lösungsansätzen irgendwann genau das erreichen würden, wovor wir am meisten Angst haben und was wir jetzt mit aller Macht zu verhindern versuchen?

Rückblick:

Plötzlich musste ich an die Zeit zurückdenken, in der ich mit dem Motorrad durch Nord-, Zentral- und Südamerika reiste. Wie vielen Menschen war ich in diesem Jahr begegnet, die um ein Vielfaches weniger hatten als ich und die dennoch bereit waren, selbst dieses Wenige mit mir zu teilen? Wie oft wurde ich, obwohl ich ein Ausländer und Fremder war, mit offenen Armen empfangen und eingeladen, mich an ihren Tisch zu setzen, einen Tee mit ihnen zu trinken, mit ihnen zu essen, zu reden, zu lachen, zu tanzen und zu feiern? Das Grundgefühl war ein völlig anderes gewesen. Ich spürte keine Angst und nie hatte je einer in Frage gestellt, dass ich Ihnen etwas wegnehmen oder ihnen schaden könnte. Im Gegenteil: sie hatten eine wahre Freude daran, mich im Kreise ihrer Familien, ihrer Kultur und ihrer Gesellschaft willkommen zu heißen. Ich wurde ein Teil von ihnen. Und dadurch hatte ich nicht nur die Gelegenheit, etwas über ihr Leben und die Hintergründe bestimmter historischer Ereignisse zu erfahren, sondern auch, diesen Menschen etwas zurückzugeben, indem ich ihnen von meinem Land erzählte oder ihnen ein paar deutsche Wörter beibrachte. So verschieden unsere Vorgeschichten und Erlebnisse, unser Aussehen und unsere Kulturen oder unser Bildungsstand und unsere Lebensstandards auch waren: ab einem bestimmten Punkt hatte ich immer das Gefühl, mit diesen mir völlig fremden Menschen verschmolzen zu sein/gleich zu sein/eins zu sein in einer Woge aus ehrlicher Nächstenliebe und Mitgefühl.

Was also macht den Unterschied zwischen den Verhaltensweisen dieser Menschen und denen meiner eigenen Kultur aus?

Die einzige Antwort, die mir dazu in den Sinn kommt, ist, dass diese Menschen meist nicht (mehr) viel zu verlieren hatten. Sie waren arm, ganz gleich ob sie sich mir gegenüber nun freundlich verhielten oder nicht. Mit dem einzigen Unterschied, dass ihnen ihr freundliches und mitfühlendes Verhalten selbst ein unbeschreibliches Gefühl von (innerem) Reichtum und Glück bescherte, ganz gleich wie die finanzielle oder wirtschaftliche Lage im jeweiligen Land war. Wir hingegen haben uns in den letzten Jahrzehnten einen Wohlstand aufgebaut, auf den wohl kaum einer wieder verzichten wollte. Dadurch denken wir, wir hätten etwas zu verlieren und müssten dieses Etwas beschützen, denn auch wir (oder unsere Vorfahren) kennen eben auch diese anderen Zeiten. Ich denke, wir können mit Recht stolz darauf sein, was wir wirtschaftlich und finanziell erreicht haben. Doch wie sieht es mit unserem Stolz in Hinblick auf unser Sozialverhalten und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen aus?

Wie würde das Szenario wohl aussehen, wenn wir als Lösungsansatz die Nächstenliebe und das Mitgefühl wählen würden?

Dass Isolation die Probleme, vor denen wir am meisten Angst haben, nicht lösen kann, dürfte jedem klar sein. Was würde also passieren, wenn wir diese Menschen stattdessen mit offenen Armen empfangen und sie an unseren Tisch bitten würden? Hätten wir damit nicht die Chance, sie auf eine Art und Weise in unsere Gesellschaft einzuführen, die wir für ein Zusammenleben am angemessensten und “sichersten für uns alle” hielten? Vielleicht könnten wir dadurch ein paar der verpassten Lektionen in Menschlichkeit, Nächstenliebe und Mitgefühl nachholen, die wir aufgrund unserer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung versäumt haben mögen? Vielleicht könnten wir offen mit ihnen über die Regeln und Gesetze, die uns wichtig sind und uns am Herzen liegen, sprechen und dadurch ein grundlegendes Verständnis schaffen, das dazu beiträgt, die beängstigenden Probleme zu verhindern? Vielleicht hätten diese Menschen auch uns etwas zu bieten? Viele von ihnen haben studiert und könnten uns in Bezug auf unseren Fachkräftemangel sicher eine sinnvolle Unterstützung sein. Ich bin mir sicher, sie haben Talente und Fähigkeiten, die in unserer Gesellschaft (noch) nicht so stark ausgeprägt sind und vielleicht könnten sie uns diesbezüglich etwas beibringen? Vielleicht hätten wir schlicht und ergreifend keine Angst mehr vor diesen Menschen, wenn wir sie persönlich kennenlernen würden? So könnten wir uns selbst ein Bild von ihnen machen und eine fundierte Entscheidung darüber treffen, ob wir sie als Gefahr, als neutral oder als eine Bereicherung für unsere Gesellschaft einstufen wollen.

Und wie würde ich mich dann als Flüchtling fühlen bzw. wie würde ich mich wohl verhalten?

Wenn ich als Flüchtling alles hätte aufgeben müssen, in ein mir fremdes Land gekommen wäre und dort von fremden Menschen mit Kleidung und Nahrungsmitteln, einem Bett und einem Dach über dem Kopf versorgt worden wäre, würde ich dann nicht eine tiefe Dankbarkeit empfinden? Hätte ich dann nicht das Bedürfnis, diesen helfenden Menschen gegenüber diese tiefe Dankbarkeit auch zum Ausdruck zu bringen? Und würde ich nicht nach Möglichkeiten suchen, wie ich diesen Menschen etwas zurückgeben könnte, wie ich ihnen eine Unterstützung sein könnte, selbst wenn ich ihre Sprache nicht spreche, ihre Kultur nicht kenne und vermeintlich nichts zu bieten hätte?

Und wie würde ich mich dann als Helfer fühlen, der diese Dankbarkeit entgegengebracht bekommt?

Wenn ich die Dankbarkeit dieser Menschen sehen, hören und spüren könnte, würde mich das nicht selbst mit Hoffnung und Zuversicht, Liebe und Verbundenheit, einer gesunden Portion Stolz sowie wahrem innerem Frieden erfüllen? Würde ich nicht eine ebenso tiefe Dankbarkeit in mir verspüren?

Nachwort:

Was mich wirklich mit Freude erfüllt, ist, dass ich bereits jetzt weiß, dass diese Geschichte ein gutes Ende nehmen wird. Denn soeben habe ich gelesen, dass die ersten Flüchtlinge in die besagte Aufnahmestätte eingezogen sind und dass es viele ehrenamtliche Helfer gibt, die diese Entwicklung mit großherziger Tatkraft unterstützen. Allen Beteiligten, dem Besitzer und den Vorbesitzern der Gaststätte, den vielen freiwilligen Unterstützern als auch den Menschen, die dank ihrer kontroversen Diskussion meine Schreiblust wiedererweckt haben, möchte ich meine Bewunderung und meinen Dank aussprechen. Es gehört viel Mut dazu, sich dem Leben (damit meine ich seinen Mitmenschen und sich selbst gegenüber) in dieser Form in Wort und Tat zu stellen! Und vielleicht konnte auch ich mit diesem Artikel einen kleinen Beitrag dazu leisten, diese Entwicklung weiter voran zu treiben.

Hm, da fällt mir auf:

Seit einigen Wochen schwirrt mir der Gedanke durch den Kopf, ich könnte meinen Freunden und meiner Familie dieses Jahr doch wieder einmal eine Geschichte zu Weihnachten schreiben. Ich dachte daran, die rund 2000 Jahre alte Weihnachtsgeschichte in neudeutscher Sprache wiederzugeben, doch der Gedanke daran langweilte mich irgendwie. Und jetzt, wo ich meinen fertiggestellten Artikel lese, wird mir bewusst, dass diese Geschichte bereits zu Papier gebracht ist (wenn auch in einem anderen Stil, als ursprünglich geplant). Denn der wesentliche Inhalt dieser Jahrhunderte alten Geschichte hat alle Zeiten überdauert und scheint heute aktueller denn je zu sein. Möge dir meine Version der “Herbergssuche” einen friedvollen Start in die besinnliche Zeit geben.

One thought on “Eine Gratwanderung zwischen Angst und Liebe

  1. Sehr geehrte Frau Fuss,

    Ihren Artikel habe ich mit Freude gelesen. Ich gehöre zum Freundeskreis für Flüchtlinge (FFF) in Hammelburg und bin in der hiesigen evangelischen Kirchengemeinde im Verbindungsteam Flüchtlingshilfe. Deshalb habe ich kürzlich für unseren aktuellen Gemeindebrief zwei kleine Beiträge verfasst und mich sehr darüber gefreut, etliche Grundgedanken davon auch in Ihrer “Gratwanderung zwischen Angst und Liebe” wiedergefunden zu haben.

    Hätten Sie vielleicht Lust, in unserem FFF mitzumachen?
    Ich habe jedenfalls schon mal Ihren Artikel an die Mitglieder unseres Kernteams und einige andere verteilt.

    Herzliche Grüße
    Walter Himmler

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