Über Opfer und Schöpfer der eigenen Lebensumstände

Vergangene Woche unternahm ich zusammen mit einem Kollegen eine Geschäftsreise nach London. Nach dem Check-in suchten wir uns eines der teuren Flughafencafés aus, um uns die Zeit bis zum Boarding mit einem Latte Macchiato zu verkürzen. Während wir so dasaßen und uns über die verschiedensten Dinge unterhielten, fiel mir ein geschäftiger Mann am Nebentisch auf. Er war schick gekleidet, mit Anzug, Hemd und Krawatte und fein geputzten, schwarzen Schuhen. Vor sich hatte er zwischen Kaffee und Sandwich einen Laptop aufgebaut, auf dem er ab und zu herum klimperte. Nebenbei telefonierte er mit einem der beiden Handys, die er bei sich trug, mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Ich bemerkte, wie er hin und wieder zu uns herüber sah und uns beobachtete.

Als mein Kollege sich kurz die Beine vertrat, schaute mich der fremde Mann vom Nebentisch an und sagte: “Ich würde Sie gerne etwas Persönliches fragen. Sind Sie beide vielleicht Vater und Tochter?” Ich musste kurz lachen bevor ich den Mann über unsere berufliche Verbindung aufklärte. Mit einem Strahlen in den Augen erzählte er mir, dass er selbst Vater von drei Kindern sei. Als er uns so dasitzen, uns unterhalten und lachen sah, fragte er sich, ob er zu seinen Kindern wohl selbst einmal ein so gutes Verhältnis haben würde, wenn sie groß sind.

Ich musste kurz darüber nachdenken, bevor ich ihm antwortete: “Hm, das können Sie doch selbst bestimmen. Sie haben das doch selbst in der Hand.” Er sah mich etwas skeptisch an und sagte, dass das nicht immer so leicht sei. Ich fragte ihn nach dem Alter seiner Kinder. Sie waren 11, 7 und 1. Er habe also noch ein bisschen Zeit, bis es so weit sei. Jetzt war ich es, der ihn mit geneigtem Kopf skeptisch ansah. “Denken Sie nicht, dass es vielleicht sinnvoll wäre, bereits jetzt an dem Verhältnis zu Ihren Kindern zu arbeiten, um das, was Sie sich für die Zukunft wünschen, auch zu erreichen?

Mit gesenktem Kopf antwortete er etwas wehmütig. “Ja, da haben Sie wohl recht, aber es liegt nun mal nicht nur alleine in meiner Hand. Zu einem Großteil sind es doch die Umstände, weshalb ich leider nicht mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen kann. Wissen Sie, ich habe einen sehr anspruchsvollen Job. Außerdem muss ich ja die Familie ernähren, das Darlehen für das Haus abbezahlen und so weiter und so fort.”

Wieder entstand eine kurze Pause, weil ich darüber nachdenken musste, was er gesagt hatte. Ich musterte ihn, wie er so traurig dasaß und mit seinen “Umständen” kämpfte, bevor ich ihm schließlich widersprach: “Sehen Sie, ich glaube eben dennoch, dass es zu 100 % in Ihrer Macht liegt.” Er verstand nicht, worauf ich hinaus wollte, also fragte ich ihn, was denn zu diesen Umständen geführt habe. Er erzählte mir davon, wie er diesen Job vor einigen Jahren angeboten bekam. Er sah die neuen Möglichkeiten, aber auch die dadurch entstehenden Veränderungen. Für seine berufliche Karriere war dieses Angebot eine einmalige Chance gewesen und schließlich spielte auch die finanzielle Unabhängigkeit, die sich dadurch einstellte, eine nicht unwesentliche Rolle. Aber ihm war auch bewusst, dass der neue Job aufgrund der hohen Reisetätigkeit klare Einschränkungen in Bezug auf das Familienleben mit sich brächte. Seine Frau redete ihm zu und so entschied er, diese Chance wahrzunehmen. Zum damaligen Zeitpunkt wohnte er mit seiner Familie in einem Mehrfamilienhaus zur Miete. Doch dank der neuen Einkommenssituation konnte er ein eigenes Haus mit einem großzügigen Garten in einer noblen Wohngegend finanzieren.

Nachdem er seine Ausführungen beendet hatte, schaute er mich mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. Es war ein seltsames Bild, einen so gut gekleideten, erfolgreichen und von seinem äußeren Erscheinungsbild so zielsicher wirkenden Mann, so unsicher und ratlos dasitzen zu sehen. Ich lächelte ihn an und sagte: “In gewisser Weise haben Sie natürlich recht, wenn Sie sagen, dass die Umstände schuld daran seien, dass Sie nicht mehr Zeit mit Ihren Kindern verbringen können. Aber waren nicht Sie es, der sich in vollem Bewusstsein für diese Umstände entschieden hat? Wenn also diese Entscheidung heute nicht mehr zu Ihnen passt, wieso treffen Sie dann nicht einfach eine Neue, um die Umstände zu verändern?”

Traurig erklärte er mir, dass er in jedem Fall auf etwas verzichten müsste und nicht vollständig zufrieden sein könnte weil er

    a) entweder seinen tollen Job mit gutem Verdienst sowie ein tolles Haus mit großem Grundstück hätte, dafür aber auf einen Großteil seines Familienlebens verzichten müsste, oder aber
    b) zwar seine Familie an erster Stelle setzen und einem Job mit geregelten Arbeitszeiten nachgehen könnte, dann aber eine geringere Bezahlung und eine weniger komfortable Wohnsituation in Kauf neben müsste.

Es mache also wenig Sinn, einfach eine neue Entscheidung zu treffen, da die zweite Variante genauso unbefriedigend sei, wie die erste.

Mein Kollege kam zurück und signalisierte mir, dass es an der Zeit war, die Abflughalle aufzusuchen. Ich nahm mein Handgepäck und wandte mich noch einmal dem offensichtlich verzweifelten Mann zu. Anstatt mich zu verabschieden, stellte ich ihm eine letzte Frage: “Wenn Ihnen keine der beiden Varianten zusagt, wieso wählen Sie nicht einfach Variante c?”

Nachdenklich schaute er meinem Kollegen und mir hinterher, als wir Richtung Gate aufbrachen. Ich bin mir sicher, dass er dabei über eine der vielen möglichen c-Varianten nachdachte:

    c) “Ich öffne mich einem neuen Gedanken. Ich öffne mich dem Gedanken, einen tollen Job mit geregelten Arbeitszeiten zu haben, bei dem ich genauso viel verdiene, wie in meinem alten Job. Dank der neuen Stelle habe ich viel mehr Zeit mit meiner Familie. Gemeinsam leben wir in unserem tollen Haus mit dem großen Grundstück.”

Auch ich musste noch lange über unser Gespräch nachdenken. Ich versuchte, mir bewusst zu machen, in welchen Umständen ich selbst hin und wieder gefangen war, ohne einen Ausweg sehen zu können – beruflich, in Bezug auf meine Familie, meine Freunde, meine Freizeit?

Wo lagen die Gründe meiner Unzufriedenheit und warum beklagte ich mich darüber? Wollte ich nur Mitleid erzeugen oder gehörte es vielleicht fast schon zum “guten Ton”, sich über irgendetwas zu beschweren? Machten es die anderen nicht genauso?

War ich tatsächlich so unzufrieden mit diesen Umständen und wenn ja, wieso änderte ich dann nichts daran? War es Bequemlichkeit? Oder war ich einfach nur zu feige, etwas zu riskieren? Hatte ich zu viel Angst vor der Veränderung, vor dem Neuen, das ich nicht kannte? Oder waren es die Selbstzweifel und das mangelnde Selbstwertgefühl, die ich durch Ausreden versuchte, zu kaschieren? Ausreden wie “Ja, ich würde ja gerne, aber …, ich bin dafür zu alt, ich kann es mir nicht leisten, ich bin dafür nicht ausgebildet, ich möchte niemanden enttäuschen, die Umstände zwingen mich dazu, … “?

Mir wurde bewusst, dass ich mehr Zeit damit verbrachte, mich über etwas zu beklagen, was mir nicht gefiel, als mir Gedanken darüber zu machen, wie es sein müsste, damit es mir gefiel. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Hatte ich nicht schon unzählige Bücher über das Gesetz der Anziehung gelesen? Bücher von Autoren der unterschiedlichsten Zeitepochen, die alle dasselbe herausgefunden hatten?

  • Gedanken werden Dinge!
  • Du ziehst das an, woran du denkst!
  • Gleiches zieht Gleiches an!
  • Deine gegenwärtigen Gedanken erschaffen dein künftiges Leben!
  • Ein Gedanke (= Aktion und Ursache) erzeugt eine Erfahrung (= Reaktion und Wirkung)!

Plötzlich spürte ich eine unendliche Dankbarkeit in mir, denn der Mann hatte mich mit seiner Geschichte zum Umdenken gebracht: Solange ich mich beklagte und mich irgendwelcher Ausreden bediente, machte ich mich selbst zum Opfer meiner eigenen Umstände. Ich ließ zu, dass die Umstände meine Gedanken bestimmten und deshalb war ich nicht in der Lage, über die a- und b-Varianten hinauszusehen.

Wenn ich also wollte, dass nicht die Umstände meine Gedanken, sondern meine Gedanken die Umstände kontrollierten, wenn ich vom Opfer zum Schöpfer meiner Umstände werden wollte, müsste ich damit anfangen, neue Gedanken zu säen. Ich müsste mich für die unzähligen c-Varianten öffnen, die das Leben für mich bereit hielt. Ich müsste mich völlig neuen, vielleicht sogar total verrückten und unmöglich erscheinenden Gedanken hingeben. Konnte ich das? War ich wirklich bereit dazu?

Ich überlegte, was wohl das Schlimmste wäre, was passieren könnte, wenn ich es täte. Sofort schossen mir Bilder durch den Kopf von Familie und Freunden, die mir Dinge sagten wie: “Na, jetzt bleib aber mal auf dem Boden! Man kann nicht alles haben! Bist du jetzt größenwahnsinnig geworden? Das klappt doch nie! Träum weiter! …”

Doch, müsste ich den anderen überhaupt davon erzählen? Könnte ich es nicht einfach für mich behalten und im stillen Kämmerlein einmal ausprobieren? Was hatte ich denn schon zu verlieren, außer ein paar Umständen, mit denen ich ohnehin nicht zufrieden war?

Ich hatte viele Antworten gefunden, doch darauf fiel selbst mir nichts mehr ein. Also wagte ich das Experiment in einem Selbstversuch.

Ich könnte dir nun seitenweise Beispiele erzählen, wie sehr mein Leben durch dieses Umdenken bereichert wurde. Doch würden dich diese Geschichten auf deinem Weg zu einem glücklicheren und erfüllteren Leben kein Stück weiterbringen. Der einzige Beweis, der einem Menschen die letzten Zweifel an einer Sache nehmen kann, ist die eigene Erfahrung. Deshalb bleibt mir nur, dich zu ermutigen:

Probiere es selbst aus! Denn, was hast du schon zu verlieren, außer ein paar unglücklichen Umständen?

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